Von Einem, der auszog, das Klettern zu lernen
Stellt euch vor, ihr seid eine kleinen Schildkröte. Ihr pellt euch aus dem Ei, schaufelt euch durch den nicht enden wollenden Sand und dann, oben angekommen, erstarrt ihr. Vor euch liegt etwas so gigantisches und atemberaubendes, dass ihr gar nicht anders könnt als loszurennen, was die kleinen Beinchen hergeben, Richtung Ozean, weil ihr genau wisst, dass ihr dort und nur dort hin gehört.
So in etwa erging es mir, als ich in Brisbane/Australien zum ersten Mal die Kangaroo Point Cliffs sah, ein 200 Meter langer und zwischen 12 und 18 Meter hoher Vulkansteinfelsen mitten in der Stadt. Sofort erkundigte ich mich nach einer Möglichkeit da mitmachen zu können und wurde an Anton, den Leiter des Vereins „Over the Edge“, verwiesen. Mit der typisch australischen Unbürokratie steckte er mich in einen Gurt und schon sollte es mit einer Route in Schwierigkeitsgrad 16 (UIIA 5+) losgehen. Ich mühte mich echt ab den Piazrisseinstieg zu schaffen und meine neu gewonnenen Kameraden feuerten mich mit allerlei Ratschlägen an. Da ich meinen einjährigen Working-Holiday-Aufenthalt aber gerade erst begonnen hatte und meine Englischkenntnisse gen null tendierten, redeten sie allerdings mit ihren „lay backs“, „step overs“ und „pulls“ gegen eine Sprachbarriere an, die erst in den nächsten Wochen zu schwinden begann. Jedenfalls hab ich in dieser Tour tüchtig verkackt und wurde mit betretenem Schweigen in eine 12er Route abgeschoben. Diese kletterte ich dann aber „top“ und als ich mich oben angekommen umblickte und hinter mir auf dem Brisbane River ein alter Mississippidampfer fuhr, mit der beleuchteten Skyline dahinter, explodierten in mir tausende kleine Glücksbläschen.
Am nächsten Tag kaufte ich mir alles was man als Kletterer braucht und von da an ging es drei Mal die Woche in die Senkrechte. Dienstags zu den Kangaroo Point Cliffs, donnerstags in eine kleine, sehr empfehlenswerte Indoorhalle und am Wochenende in die Berge, wie die Glass House Mountains oder Blue Mountains.
Nach sechs Monaten Klettern, Party und Arbeit verließ ich Brisbane und somit die Wiege meines Kletterlebens, in Richtung Outback, wo die Felsen so spärlich gesät waren, dass man nicht mehr wirklich vom Klettern sprechen konnte. Erst zurück in Deutschland eröffneten sich für mich, durch die hiesigen Klettergebiete, neue Möglichkeiten meine Fingerspitzen zu foltern.
Autor: Miachel Weidner (alias kackstift)
Veröffentlicht am 29.05.08
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